Klinischer Ablauf

Diagnosepfad

Synthetisierter Ablauf von der ersten Sorge bis zur Mitteilung. Die Reihenfolge ist logisch, nicht bürokratisch: Förderung beginnt parallel, Medizin ist gezielt, Unsicherheit wird nicht mit demselben Test noch einmal gemessen.

  1. 01
    Erkennen

    Entwicklungsbeobachtung und Anliegen

    Eltern-, Selbst- oder Fachkräfteanliegen ernst nehmen. Merkmale im Kontext der Gesamtentwicklung, des Geschlechts und der Umgebung lesen. Nicht ausschließen wegen Blickkontakt, Lächeln oder scheinbar typischer Sprache.

    Sorge dokumentieren. Bei Unsicherheit Fachkollegium oder Autism-Team konsultieren.

  2. 02
    Erkennen

    Gezieltes Screening — nicht Populationsautomatismus

    In DACH: anlassbezogen (Sorge, Risiko, auffällige U-Untersuchung). In US-Pädiatrie zusätzlich universell 18/24 Monate. Instrumente strukturieren, diagnostizieren aber nicht.

    Positiv oder klinischer Verdacht trotz negativem Screen → weiter. Negativ + keine Sorge → Surveillance.

  3. 03
    Überweisen

    Dringlichkeit prüfen

    Regression von Sprache oder sozialen Fähigkeiten vor dem 3. Geburtstag: sofort spezialisierte Diagnostik. Motorische Regression oder Regression nach Alter 3: zuerst Neuropädiatrie/Neurologie.

    Dringlich vs. regulär vs. watchful waiting mit Wiedervorstellung.

  4. 04
    Überweisen

    Überweisung mit Mindestinformation

    Anliegen, beobachtete Merkmale, Schwangerschaft/Geburt, Meilensteine, Risikofaktoren, bisherige Befunde, Hör-/Sehstatus. Parallel: Fördermaßnahmen bei Bedarf starten.

    Ein Punkt der Überweisung. Keine Diagnosestellung per Fragebogen auf dem Überweisungsweg.

  5. 05
    Abklären

    Triage im diagnostischen Team

    Innerhalb von 3 Monaten beginnen. Fallkoordination benennen. Vorab Berichte einholen. Klare Fälle: erfahrene Einzelperson möglich. Komplexe, sehr junge, atypische Fälle: Team.

    Pfad wählen: Sole / Shared Care / MDT. Nicht alle Fälle durch dasselbe Maximalprogramm schicken.

  6. 06
    Abklären

    Kernassessment

    Entwicklungsanamnese, direkte Beobachtung, Multi-Informanten, körperlich-neurologische Untersuchung, Differenzialdiagnose, Komorbidität, Stärken- und Bedarfsprofil. Standardisiertes Verfahren (ADOS-2 und/oder ADI-R) nach Verfügbarkeit und Zumutbarkeit.

    Alle Quellen + klinisches Urteil → ICD-11 oder DSM-5-TR.

  7. 07
    Abklären

    Medizin gezielt, nicht als Paket

    Hören/Sehen. Genetik bei ID, Dysmorphie, Fehlbildungen, Familienanamnese. EEG nur bei Anfallsverdacht. Bildgebung nur bei neurologischen Warnzeichen. Kein Routine-Stoffwechselpanel.

    Indikation dokumentieren. Unauffällige Befunde schließen ASS nicht aus.

  8. 08
    Entscheiden

    Diagnostische Entscheidung

    ASS erfüllt / nicht erfüllt / Schwellenphänotyp. Spezifier setzen (Intelligenz, Sprache, genetisches Geschehen, Unterstützungsbedarf). Komorbidität kodieren. Unsicherheit: andere Kontexte, Zweitmeinung, geplante Reevaluation — nicht denselben Test wiederholen.

    Keine Diagnose erzwingen. Bedarf trotzdem beschreiben.

  9. 09
    Mitteilen

    Gespräch, Bericht, Follow-up

    Persönlich, ohne Verzug, auch bei Nicht-Diagnose. Schriftlicher Bericht. Einwilligungsbasierte Weitergabe an Hausarzt und Schule. Follow-up binnen ca. 6 Wochen. Geschwisterrisiko ansprechen. Hilfen lokal benennen.

    Diagnose ist der Beginn der Bedarfsplanung, nicht ihr Ende.