Nosologie
ICD-11 und DSM-5-TR
NICE hat 2017 auf ICD-11 oder DSM-5 umgestellt. ESCAP 2020 fordert Harmonisierung. AWMF 2016 formulierte noch in ICD-10 — die laufende Revision muss ICD-11 abbilden. Die Kernkonstrukte sind weitgehend deckungsgleich; Unterschiede liegen in Spezifiern und Schweregrad.
| Domäne | ICD-11 · 6A02 | DSM-5-TR · 299.00 |
|---|---|---|
| Konstrukt | 6A02 Autism spectrum disorder — eine Kategorie, Spezifier für Intelligenz und Sprache. | 299.00 Autism spectrum disorder — eine Kategorie, Schweregrad 1–3 je Domäne, multiple Spezifier. |
| Soziale Kommunikation | Anhaltende Defizite in der Fähigkeit, wechselseitige soziale Interaktion und soziale Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten. | A. Persistierende Defizite in sozialer Kommunikation und sozialer Interaktion in mehreren Kontexten, aktuell oder anamnestisch, in allen drei Subdomänen: Reziprozität, nonverbale Kommunikation, Beziehungen. |
| Restriktiv-repetitiv | Eingeschränkte, repetitive und unflexible Muster von Verhalten, Interessen oder Aktivitäten, die untypisch oder übermäßig für Alter und soziokulturellen Kontext sind. | B. Mindestens zwei von vier: Stereotypien/Echolalie/Idiosynkrasie; Insistenz auf Gleicherhaltung/Rituale; hoch eingeschränkte, fixierte Interessen; Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische Reize. |
| Beginn | Beginn während der Entwicklungsperiode, typisch in der frühen Kindheit. Das Vollbild kann erst später sichtbar werden, wenn soziale Anforderungen steigen. | C. Symptome müssen in der frühen Entwicklungsperiode beginnen, können aber erst später voll manifest werden (Kriterium C). |
| Beeinträchtigung | Das Zustandsbild führt zu klinisch signifikanten Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, Bildungs-, beruflichen oder anderen wichtigen Bereichen. | D. Klinisch signifikante Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen aktuellen Funktionsbereichen. |
| Abgrenzung | Nicht besser erklärt durch Intelligenzminderung oder globalen Entwicklungsrückstand allein. ASS und ID können koexistieren; soziale Kommunikation muss dann unter dem erwartbaren Niveau liegen. | E. Nicht besser erklärt durch ID oder globale Entwicklungsverzögerung. Bei komorbider ID muss soziale Kommunikation unter dem allgemeinen Entwicklungsniveau liegen. |
| Spezifier | Intelligenzniveau (keine, milde, moderate, schwere Beeinträchtigung der intellektuellen Funktionen). Funktionale Sprache (mit/ohne Beeinträchtigung der funktionalen Sprache). Verlust erworbener Fähigkeiten. Verknüpfung mit bekanntem medizinischem oder genetischem Geschehen. | Mit/ohne intellektuelle Beeinträchtigung; mit/ohne Sprachbeeinträchtigung; verknüpft mit bekanntem medizinischem/genetischem Geschehen oder Umweltfaktor; verknüpft mit einer anderen neurodevelopmental, mentalen oder Verhaltensstörung; mit Katatonie. Schweregrad 1–3 für Domäne A und B getrennt. |
Von ICD-10 nach ICD-11
Keine 1:1-Übersetzung. Asperger-Syndrom ist keine eigene Kategorie mehr. Wer historisch F84.5 trägt, wird in der Regel als 6A02 ohne Beeinträchtigung der funktionalen Sprache und ohne Intelligenzminderung neu beschrieben — sofern die aktuellen Kriterien erfüllt sind.
- F84.0 Frühkindlicher Autismus6A02 mit oder ohne Sprach-/Intelligenz-Spezifier; früher Beginn, oft mit Sprach- und Intelligenzminderung
- F84.1 Atypischer Autismus6A02 — atypisches Alter oder unvollständiges Bild wird nicht mehr als eigene Kategorie geführt
- F84.5 Asperger-Syndrom6A02 ohne Beeinträchtigung der funktionalen Sprache, ohne Intelligenzminderung (Näherung, keine 1:1-Übersetzung)
- F84.8/F84.9 sonstige/nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörungensparsam: andere spezifizierte neurodevelopmental disorders; besser: Profil beschreiben und Bedarf adressieren