Transparenz

Wo Leitlinien divergieren

Eine ehrliche Synthese glättet Widersprüche nicht. Die folgenden fünf Punkte tragen den größten Teil der internationalen Uneinigkeit. Über den Rest — klinische Diagnose, keine Marker, keine Fragebogendiagnose, keine Routine-Bildgebung, persönliche Mitteilung — besteht fachlicher Konsens.

Universelles Screening vs. Surveillance

AAP / CDC / CPS / HAS vs. USPSTF I-Statement vs. NICE / SIGN / AWMF

AAP empfiehlt M-CHAT-R/F mit 18 und 24 Monaten bei allen Kindern, weil frühe Intervention den Verlauf verbessern kann und Surveillance allein Fälle verpasst. USPSTF 2016 findet für asymptomatische Kinder ohne Sorge unzureichende Evidenz zu Nutzen und Schaden. Europäische Leitlinien setzen auf anlassbezogene Abklärung plus regelmäßige Entwicklungsbeobachtung, nicht auf ein Populationsprogramm.

Synthese. Für DACH kein verpflichtendes Populationsscreening. Wohl aber: standardisierte U-Untersuchungen, niedrige Schwelle bei Sorge oder Risiko, validierte Screenings als Strukturhilfe. Dissens bleibt offen, bis USPSTF oder die AWMF-Revision neu bewertet.

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Teamzwang vs. erfahrene Einzelperson

NICE Autism-Team / AWMF Spezialambulanz vs. CPS Stufenmodell / Autism CRC 2023

NICE beschreibt ein multidisziplinäres Autism-Team als lokale Struktur. CPS 2019 und die australische NHMRC-Leitlinie 2023 erlauben einer geschulten Einzelperson die Diagnose klarer Fälle, um Wartezeiten zu senken. Die Evidenz, dass MDT die diagnostische Genauigkeit gegenüber erfahrenen Einzelklinikern verbessert, ist begrenzt.

Synthese. Referenz bleibt das Team. Klare, unkomplizierte Fälle dürfen von ausgewiesenen Einzelpersonen diagnostiziert werden. Komplexe, sehr junge und atypische Fälle bleiben teamgeführt. Leistungrechtliche Anerkennungsverfahren in Deutschland folgen oft dem Spezialsetting — das ist ein System-, kein Evidenzargument.

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Pflicht zu ADOS plus ADI-R

Forschungsgoldstandard vs. AWMF „ADOS oder ADI-R“ vs. NICE „consider a tool“

Die Kombination ADOS-2 + ADI-R hat die breiteste Validierung. AWMF S3 verlangt mindestens eines der beiden, beide bei Unklarheit. NICE schreibt kein bestimmtes Instrument vor. Autism CRC 2023 betont Passung und Zumutbarkeit.

Synthese. Mindestens ein gut validiertes, geschult eingesetztes Verfahren, wenn durchführbar. Kombination bei unklarer Klinik. Verzicht begründen. Cut-offs diagnostizieren nicht.

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Wie weit genetische Diagnostik?

AAP (CMA ± Fragile-X großzügig, besonders ID) vs. NICE (consider bei Dysmorphie/ID)

Seit CMA und Exomsequenzierung steigt die diagnostische Ausbeute bei ID und syndromaler Präsentation. Bei idiopathischer ASS ohne ID und ohne dysmorphe Zeichen bleibt der Zusatznutzen umstritten. Keine Leitlinie macht Genetik zur Voraussetzung der klinischen ASS-Diagnose.

Synthese. Anbieten bei ID, Dysmorphie, Fehlbildungen, spezifischem Syndromverdacht oder auffälliger Familienanamnese. Nicht universell. Beratung und Einwilligung sind Teil der Indikation.

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ICD-10 in der AWMF 2016

AWMF 2016 (ICD-10) vs. NICE 2017 / ESCAP 2020 / DSM-5-TR / ICD-11

Die deutsche S3-Diagnostikleitlinie stammt aus der ICD-10-Ära (F84.0/F84.1/F84.5). Internationaler Konsens seit 2017 ist die Spektrumkategorie. Die AWMF-Revision war 2024–2026 in Überarbeitung.

Synthese. Neue Diagnosen klinisch nach ICD-11 (6A02) oder DSM-5-TR stellen, Spezifier setzen, Abrechnung nach dem jeweils gültigen Katalog. Historische Asperger-Diagnosen nicht automatisch umschreiben ohne Reevaluation.

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